Frauengeflüster

Jeder Mann kennt das: Zwei Frauen verlassen kichernd eine Toilette in einem Lokal und werfen sich nochmals einen viel sagenden Blick zu, ehe sie an den Tisch zurückkehren, an dem sie mit ihrer jeweiligen männlichen Begleitung sitzen.
Ein männlicher Beobachter wird nicht daran zweifeln, dass die beiden Frauen sich kennen, wenn sie gemeinsam loskichern und zudem diese für einen Mann undefinierbaren Blicke wechseln. Sofern es sich bei einer der Frauen um seine Begleiterin handelt, wird er sich womöglich besorgt fragen: "Was hatten die da in der Toilette zu tuscheln? Haben die am Ende über mich geredet?"

Worüber unterhalten sich Frauen auf der Toilette?

Männer, die bereits versucht haben, laut zu denken, bzw. diese quälenden Fragen direkt an ihre Partnerin zu richten, wissen, dass dabei nichts herauskommt: Ihre Begleiterin wird harmlos lächeln und ihre Antwort im Ungefähren halten: "Wieso? Nichts Besonderes... was man halt so redet..."

Was aber ist das, "was man halt so redet"? Reden die Damen über die neueste Mode, Lippenstifte, Tampons, über Brad Pitt oder gar über ihren Chef, ihren Vater, ihren Boyfriend oder Ehemann? Dass es tatsächlich etwas Intimes sein könnte, was Frauen auf einer Toilette austauschen, ist aus Männersicht eher befremdlich: Persönliches wird selbst unter Freunden nämlich nur ausnahmsweise ausgetauscht und bildet kaum die Voraussetzung für eine Männerfreundschaft.

Männer mögen argwöhnen, dass Frauen sich zwar über Intimes aber dennoch eher Faktisches äußern, wenn sie auf der Toilette miteinander tuscheln. Deshalb werden sie vielleicht vermuten, dass die Damen sich über die sexuellen Qualitäten ihrer Begleiter bis hin zur Größe ihres besten Stücks austauschen. Die männliche Kommunikation beruht nämlich zu einem großen Teil auf dem Austausch von Fakten und deren Bewertung, weniger aber auf der Mitteilung von Gefühlen.
Haben Männer also allen Grund beunruhigt zu sein, wenn Frauen auf einer Kneipen-Toilette tuscheln?

Diese Frage kann nur mit einem entschiedenen Jein beantwortet werden. Denn: Das was Männer befürchten, nämlich ein Gespräch über ihre sexuellen Qualitäten, findet höchstwahrscheinlich nicht statt. Was indessen stattfindet, dürfte aus Sicht der Männer nicht unbedingt besser sein: Neutrale Themen bilden unter Frauen nämlich allenfalls den Rahmen für das unerlässlich Persönliche der Gesprächsinhalte. Je besser sich die beteiligten Frauen kennen bzw. verstehen, umso schneller kommen sie zum Kern ihrer momentanen Befindlichkeit: "Ich schlepp mich so durch diesen Abend mit Harry, der ohne Unterlass redet. Mein Kopf ist eigentlich bei meiner Schwester, die sich gerade von ihrem Mann trennt. Das ist, als ob ich meine Trennung von Edmund noch mal wieder erlebe."

Für einen Mann kaum nachvollziehbar ist insbesondere die Vielzahl der Informationen, die in diesen drei Sätzen enthalten ist. Was die junge Frau auf der Toilette in aller Kürze einer anderen Frau mitteilt, sind zum einen Fakten und zum anderen Gefühle. Fakt 1: Ihr Begleiter redet ohne Unterlass. Fakt 2: Ihre Schwester trennt sich gerade von ihrem Mann. Gefühl 1: Ihr Begleiter langweilt sie durch sein Gerede. Gefühl 2: Sie durchlebt ihre Trennung von ihrem früheren Freund noch einmal.

Ihre Gesprächspartnerin reagiert auf der gleichen Ebene: "Geht mir ähnlich. Mit dem Typen, mit dem ich hier bin, war ich vor ein paar Jahren schon mal zusammen. Ich steh zwar immer noch auf ihn, aber den Abgang, den er damals gemacht hat, den kann ich ihm nicht verzeihen. Deshalb werde ich nicht noch mal mit ihm ins Bett steigen."
So oder ähnlich laufen Gespräche unter Frauen ab, egal ob auf einer Toilette, im Büro oder am Kaffeetisch. Tritt ein Mann hinzu, so ändert sich nicht unbedingt das Thema, doch aber die Tonart des Gesprächs.

Warum? Weil Frauen wissen, dass Männer sich schnell ausgeschlossen fühlen, wenn Frauen plaudern. Frauengeflüster ist eben nicht vergleichbar mit einem Party-Smalltalk und schon gar nicht mit einer Diskussionsrunde. Es erfüllt vielerlei Funktionen und hat Tausende von Varianten. Aber auch bis ins nächste Jahrhundert sind Männer dazu nicht eingeladen.